Englandtour 2009

Englandtour vom 20.-24.05.2009
 
Nachdem Inga und ich wegen diverser Wehwehchen vor fast zwei Jahren den letzten Urlaub hatten, war nun endlich wieder einer fällig: 16 Tage England und Schottland. Obwohl viele, für Menschen, die eine Schottlandreise planen, wichtige und einige lustige Dinge zu berichten sind, versuche ich einmal, die Reise so kurz, wie es einem semiprofessionellen Autor möglich ist, festzuhalten.
 
Der erste Teil der Reise führte uns nach Mittelengland, der zweite – größere – nach Schottland. England erreichten wir übrigens über die Fährverbindung von Esbjerg nach Harwich. Klingt unpraktisch, ist für Hamburger aber der beste Weg, denn statt sechs Stunden nach Hoek van Holland fährt man nur zweieinhalb nach Esbjerg.
 
Nach ruhiger Überfahrt am 19. angekommen und direkt in das niedliche Hotel in Chipping Campden gefahren, wo wir einen Tag vor Beginn der Aston Martin England Tour eincheckten. Bin immer wieder erstaunt über das Preis-/Leistungsverhältnis englischer Hotels. Eine Nacht 300 Pfund, das sind zwar momentan „nur“ 340 Euro, aber das ist viel Geld, finden wir.
 
Unser Zimmer war total niedlich mit Antiquitäten voll gestopft. Da hatte sich ein Mensch mit Geschmack ausgetobt. Auch gab es zwei Koffer-Untergestelle, auf denen wir auch gern die Koffer aufgebaut hätten. Das aber ging nicht, denn das Zimmer war so voller Antiquitäten, dass man nicht einmal ein Gestell ausklappen konnte. Irgendwie witzig, fanden wir.
 
Da wir so früh vor Ort waren, nutzten wir die Zeit, um Blenheim Palace zu besichtigen, wo die Familie Winston Churchills herkommt. Das Schloss beeindruckt durch seine ungeheuren Ausmaße und auch der Garten, mit den seltensten Bäumen in nie gesehener Größe, ist eine Reise wert. Die Führung im Schloss erfolgte übrigens vollautomatisch über Animation, Bildschirme und sich jeweils nach wenigen Minuten zum nächsten Raum hin öffnende und schließende Türen. Hätte ich in einem Schloss nie erwartet, war aber beeindruckend professionell gemacht.
 
Das Essen abends im Hotel war zu unserer großen Überraschung das vermutlich beste Essen, das wir jemals gegessen haben. Und das in England! Das ist eigentlich nicht zu glauben, aber der Koch hatte bei einem französischen Drei-Sterne-Meister gelernt.
 
Am 20. Mai begann die England-Tour. Zuerst besuchten wir ein altes Haus mit großem, englischen Garten. Das Haus heißt Snowshill Manor, ist in den Grundzügen aus dem 16. Jahrhundert und beherbergt alles das, was Menschen normalerweise wegzuwerfen pflegen. Es ist nicht zu glauben, wie interessant Dinge nach einigen Jahrzehnten werden, die man eigentlich entsorgt haben wollte. Da gab es Laufräder, Ackergeräte, Spielzeug, Werkzeug, Möbel und viele merkwürdige Dinge. Insgesamt beherbergt das unglaublich verwinkelte Haus 22.000 leicht angestaubte, teils verrostet Ausstellungsstücke. Herrlich!
 
Abends gab es ein gemütliches Abendessen in einem typischen englischen Pub. Sehr urig und für mich erstaunlich gut schmeckend. Meine Vorstellung von englischen Pubs war durch Bier und noch mal Bier völlig falsch programmiert.
 
Am 21. Mai ging es morgens zum Broadway Tower, einem kleinen schlossähnlichen Turm, der mutterseelenallein auf der Spitze eines Hügels steht und stolz von sich behauptet „The highest little castle in the Cotswolds“ zu sein (Cotswold ist die Gegend, in der die Clubreise stattfand). Als Mitbegründer dieser merkwürdigen Modelleisenbahn habe ich von meinem Sohn Frederik gelernt, wie wichtig Superlative sind. Der Besitzer des Turmes hat einen gefunden, obwohl es eigentlich keinen gab. Man hat einen guten Überblick über das Land, wenn man den nur 17 Meter hohen Turm bestiegen hat.
 
Nach einem kleinen Essen ging es weiter nach Gaydon, wo nach Beendigung der Handarbeitsphase seit einigen Jahren die Aston Martin in professioneller, fließbandähnlicher Manier hergestellt werden. Hier erwartete uns eine Riesenüberraschung: Simone und Bernd Fischer hatten es sich nicht nehmen lassen mit AMOC-Flagge im Gepäck für wenige Stunden nach England zu fliegen, um uns auf dem Gelände zu begrüßen. Wir waren allesamt begeistert, dass die beiden sich dieser Strapaze unterzogen hatten, um uns eine wirkliche Freude zu bereiten.
 
Ein großartiger Höhepunkt dieser Reise war die Werksbesichtigung in Gaydon dann auf jeden Fall! Eine sagenhaft professionelle und gleichermaßen liebenswerte Führung hatten wir. Und es ist wirklich sehr spannend, wie diese wunderschönen Autos gefertigt werden. Nur traurig, dass wenig Aktion zu sehen war, denn der Absatz auch der hochpreisigen Autos lässt zu wünschen übrig. Ein Leckerbissen am Rande: wir sahen einen der auf 77 limitierten „Aston Martin One 77“, ein sagenhaft tolles Auto. Wird allerdings über eine Million kosten, also bleibt es beim Hinsehen.
 
Am 22. Mai fuhren wir morgens zum Sudeley Castle, einem weiteren, sehr schönen Schloss. Auch hier beeindruckte wieder der erlesen gepflegte Garten. Immer wieder sieht man sich den Rasen verschiedener Schlösser, Parks oder privater Grundstücke an und fragt sich, wieso man das hier zu Hause nicht hinbekommt. Es soll auch und vor allem an einem speziellen Rasenmäher liegen, den ich mir mal besorgen werde.
 
Nachmittags besichtigten wir ein kleines, aber feines Automuseum mit vor allem englischen Marken, die nur noch echten Fans geläufig sind. Wer kennt heute noch Riley oder Morris, Alvis oder Sunbeam?
 
Der letzte Tag, der 23. Mai war dann der (für mich) echte Höhepunkt der Englandtour, ein Besuch des Prescott Speed Hill Climb“ verbunden mit der Veranstaltung „La vie en bleu“. Zuvor kurz erklärt, worum es dort geht. Der Hügel, auf den eine 1.031 Meter lange, asphaltierte Rennstrecke mit Serpentinen führt, gehört der englischen Sektion des Bugatti Owners Club. Der veranstaltet ab und an einen Renntag. Da die Bugatti Blau als Hausfarben haben, spricht man an diesem Wochenende von „La vie en bleu“.
 
Hunderte schönster alter und ältester Autos kommen zu der Veranstaltung. Nur ein kleiner Teil fährt den Berg in möglichst kurzer Zeit hoch. Die meisten benutzen das supergute Sonnenwetter nur dazu, ihre Oldtimer für die Anreise aus der Garage zu holen. Es war wie in einem Freilichtmuseum. Da Ihr mich alle als Autofan kennt, ahnt Ihr sicher, wie gut mir dieser Tag gefallen hat. Ich habe an diesem Tag kaum etwas gegessen, um ja keine Zeit zu verschwenden.
 
Auf der Rennstrecke tummelten sich modernste Ferrari, älteste Bugatti, zwei der 1.001 PS starken Bugatti Veyron (die nicht schnell genug waren, aber einen betörenden Klang haben), Formel 1 Rennwagen und alles, was Lust hat, sich einmal auf dem Berg zu versuchen. Der Rekord liegt irgendwo bei 36 Sekunden, was einem Schnitt von 100 km/h entspricht. An diesem Wochenende habe ich allerdings kein Auto erlebt, dass auch nur annähernd an diese Zeit kam. Der schnellste von mir beobachtete war ein brandneuer Ferrari Scaglietti, der 48 Sekunden brauchte.
 
Unser „Reiseleiter“, AMOC Clubkamerad Rudolf, hatte sich wenige Tage zuvor einen Vorkriegs Aston Martin gekauft, mit dem er den Hügel hochtoben wollte. Daraus wurde (zumindest am Sonnabend) nichts, weil das Gaspedal immer auf Vollgas klemmte und manuell beziehungsweise fußuell zurückgeholt werden musste. Enttäuschende 80 Sekunden waren das Ergebnis.
 
An den Rand der Verzweiflung geriet unser Vereinsvorsitzender, Bernd-Heinrich Schriever, der gegen Mittag plötzlich das komplette Schlüsselbund für seinen schönen alten Aston Martin DB5 vermisste. Was kann man dann auch schon tun auf so einer Reise? Aufbrechen, kurzschließen etc? Das tut bei so einem Auto dreifach weh. Das leckere Essen, der gute Wein, der runde Tisch direkt für uns an der Rennstrecke reserviert, das alles war plötzlich nicht mehr richtig genießbar. Aber glücklicherweise hat sich dann sich unmittelbar nach einer Durchsage ein netter Herr mit den Schlüsseln gemeldet.
 
Ein weiterer kleiner Höhepunkt war ein Sonderkonvoi, der die gesamte Bergrennstrecke hinter einem Pacecar herfahren durfte. Der Konvoi bestand nämlich aus unseren sieben Teilnehmerautos und es war schon ein besonderes Gefühl, diese historische Strecke vor Tausenden von Zuschauern und ihren surrenden Kameras hinaufbrausen zu dürfen.
 
Abends feierten wir im Hotel bei einem Galadiner die gelungene Reise, den Abschied und vor allem die Glückszahl 13, denn wir dreizehn Teilnehmer an dieser Englandtour haben uns hervorragend verstanden, viel Freude an der Reise und aneinander gehabt und hoffen alle, dass Rudolf bald wieder planerisch tätig wird.
 
Am Sonntag (24. Mai) packten wir alle unsere Autos und fuhren in verschiedensten Richtungen davon. Einige durch den Tunnel nach Frankreich, einige zu einem weiteren Erholungstag in England und wir nach Schottland. Bei der Abreise passierte mir ein Missgeschick. Die handgenähte, passgenaue Aston Martin Ledertasche, in dem der Verdecküberzug verpackt wird, lag noch auf dem Kofferraum, als wir losfuhren. Nach einigen Kilometern hatte ich plötzlich das Gefühl, etwas sei anders gelaufen, als sonst. Schnell stellte ich das Fehlen der Tasche fest und kehrte um. Aber es war zu spät, das Ding war schon irgendwie abhanden gekommen.
 
Jochen Braun
 
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